The grey space – Südafrika

8. April 2021 admin-pascalfunk

The grey space – Südafrika

Lisann berichtet über ihr Jahr in Pretoria

„The more I live, the more I am aware of the grey.

The in-between. The tension.“ ~Nadia Meli

Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mit meinem Freiwilligendienst den Weg nach dem Abitur gewählt habe, der das Herz am meisten bricht.

Nach der Schule daheimbleiben und eine Ausbildung machen: klar…Kein Problem!

Hotel Mama ist angenehm und die Freunde bleiben dieselben.

Zum Studieren in eine andere Stadt: schon eine Nummer mehr.

Doch am Wochenende kommt man (zumindest am Anfang) doch noch oft zurück in heimatliche Gefilde und ein vertrautes Umfeld.

Ins Ausland gehen, eine neue Kultur und Sprache kennenlernen, seinen Komfort und seine Gewohnheiten ändern Familie und all seine Freunde zurücklassen: Das alles ist, was das Herz am meisten bricht.

The tension.

Die Spannung dabei ist: Ich bin auch der festen Überzeugung, dass man durch diesen Weg am meisten gewinnt!

Südafrika ist ein Land der Gegensätze und Spannungen. Ein Land der Grauzonen.

(Und damit meine ich nicht die rechtlichen Grauzonen, wie das Bestechen der Polizei…was uns zugegebenermaßen ab und zu sehr geholfen hat ;))

Südafrika ist ein Land gegensätzlicher Kulturen- black culture (nochmals aufgespaltet in ca. 10 Stämme), Afrikaans und Coloured.

Verschiedene Hautfarben

Diametral auseinanderklaffende finanzielle Hintergründe

Mein erster Eindruck: die westliche Mega-Mall für Superreiche in Johannesburg

Mein zweiter Eindruck: die obdachlose Mutter, die ihre Kinder an einer Ampelkreuzung in Pretoria großzieht.

Wo bleibt hier die Grauzone?

The in-between.

Bis zum Ende meines Freiwilligendienstes war ich schockiert darüber, wie wahnsinnig klein bis nicht-existent die Mittelschicht in Südafrika ist und nun schätze ich das soziale Netz Deutschland umso mehr.

Die Armut im Rahmen meiner Einsatzstelle POPUP in Südafrikas Hauptstadt Pretoria wurde mir besonders durch die täglich stattfindende Suppenküche bewusst:

Zum Teil kamen besonders am Ende des Monats (wenn das ganze Monatsgehalt aufgebraucht war) bis zu 200 Männer und Frauen aus dem Umkreis zur Suppenküche, um Eintopf und Brot zu bekommen.

Für mich war es bewundernswert zu sehen, wie die Menschen bei POPUP in der Spannung leben, den Obdachlosen einerseits zu helfen und ihnen eine warme Mahlzeit zu sichern, aber andererseits – wie es der dunkelhäutige Gärtner einmal ausdrückte- „ die Menschen durch die Suppenküche nur zum Kinderkriegen zu bewegen“. Denn durch Projekte wie die Suppenküche wird die Ernährung des Nachwuchses gesichert, der dann in allen anderen Bereichen des Lebens (Schule, Hobbys,…) nicht gefördert/finanziert werden kann.

The grey space.

Die Grauzone wurde mir auch beim Drug Outreach bewusst, das wir in Kooperation mit einer anderen Organisation durchgeführt haben.

Dabei verteilten wir saubere Heroin-Nadeln und Desinfektionsmittel an Drogenabhängige und Obdachlose in der Innenstadt Pretorias.

Ich werde nie vergessen, wie eine Frau mit einer ganzen Whiskas-Katzenfutter-Tüte von 200 benutzten Nadeln und einem vereiterten, verkrusteten Arm zu uns kam.

Ich werde aber auch nie vergessen, wie eine andere Frau unter der Brücke, neben einem vermüllten Fluss auf ihrer dreckigen Matratze saß und Witze über ihren Zusammenstoß mit einem Auto gerissen hat.

Ich werde nie vergessen wie einige uns schräg und angewidert angeschaut haben und mit kalter Mimik weitergelaufen sind.

Ich werde aber auch nie vergessen, wie uns einige angesprochen haben, sich interessiert haben für die Arbeit, die wir leisten. Und ich werde nie vergessen wie schön und lebendig die Straßen Pretorias trotz all des Leides aussahen.

Nadeln ausgeben. Einerseits Drogenkonsum fördern, aber auch Krankheiten (Hepatitis C, Aids,..) vorbeugen. Das ist ein zweischneidiges Schwert.

Ich bewundere die Menschen, die in dieser Grauzone leben und dafür (trotz städtischer Genehmigung des Outreaches) schon verhaftet wurden.

The tension.

Spannung zwischen schwarz und weiß. Rassismus.

Ein Thema, um das man durch die Apartheids-Geschichte in Südafrika nicht herumkommt.

Mir hat gefallen, dass in meiner Einsatzstelle Dunkelhäutige und Weiße zusammenarbeiten. Dass einige Kirchen diese Gemeinschaft leben. Dass ich sowohl Weiße, als auch schwarze Freunde hatte.

Eine Erfahrung, die mich sehr schockiert hat:

Ich laufe mit einem dunkelhäutigen Kumpel durch die Mall. Zwei junge weiße Mädels kommen um die Ecke und beschimpfen uns, reden von black and white im abstoßenden Sinne.

Wo bleibt da das „Brücken-Schlagen“?

Einerseits eine Hautfarbe zu haben, sich aber trotzdem auf eine andere Kultur einzulassen und offen zu sein von ihr zu lernen?

Neben der deutschen Sprache, war es für mich nach meiner Rückkehr nach Deutschland so ungewohnt, nur weiße Menschen zu sehen. Mir war es schlichtweg zu weiß und ich habe mich jedes Mal mehr „zu Hause“ gefühlt, wenn einige dunkelhäutige Menschen mit im Bus saßen.

Einfach deshalb, weil es für mich zur Gewohnheit geworden ist, weil ich den Mix lieben gelernt habe, weil es für mich Ausgeglichenheit und ein Stück weit Gleichberechtigung bedeutet.

Raum der Begegnung. Eine Brücke. Denn schwarz und weiß gibt grau.

The grey space.

„And maybe that´s the beauty of growth: to make us softer.

To give us grace for others.“ ~Nadia Meli

Die letzten 11 Monate hatte ich die Möglichkeit an mir zu arbeiten, meine Persönlichkeit zu reflektieren und zu wachsen.

Ich war nie besonders entscheidungsfreudig und solange ich damit einverstanden war, habe ich eher anderen die Entscheidungen überlassen. Das Jahr hat mir geholfen, meine eigenen Entscheidungen zu treffen und wenn es nötig war, mich von anderen abzugrenzen und mein Ding durchzuziehen. Zu mir selbst stehen und mich nicht nur nach anderen zu richten. Dadurch Selbstsicherheit zu gewinnen.

Ich habe gelernt, Dinge kritisch zu hinterfragen und doch nicht den Glauben daran zu verlieren. Ich habe einen tieferen Glauben zu Gott bekommen und gleichzeitig das menschengemachte System Kirche mehr hinterfragt. Ich habe Jesus mehr in mein Leben einbezogen, Erfahrungen mit Gott gemacht und gleichzeitig gemerkt, dass ich mit Aussagen mancher Christen nicht mitgehen kann.

Ich hatte mit verschiedenen Christen und auch Nicht-Christen so viele wertvolle Gespräche über Themen wie Glaube, Rassismus, Musik und Geschlechterrollen.

Dafür bin ich sehr dankbar und konnte viel lernen und für mich selbst mitnehmen.

Die letzten 11 Monate haben mir gezeigt, dass wir alle nur Menschen sind.

Am Ende bluten wir dasselbe Blut, wollen alle geliebt werden und sehnen uns nach tiefer Gemeinschaft mit anderen. Manche haben mehr Privilegien, materiellen Reichtum oder einen höheren akademischen Grad.

Aber am Ende zählt Menschlichkeit, Respekt und Liebe.

Uns kann alle dasselbe Schicksal ereilen-niemand ist geschützt oder immun dagegen und niemand hat das Recht über andere zu richten. Es ist wichtig demütig zu bleiben.

Wer sagt, dass ich nie obdachlos sein werde, nur weil ich jetzt in einem Haus lebe?

Was gibt mir die Garantie, dass ich weiterhin in einem friedlichen Land leben werde?

Wie kann ich wissen, dass ich niemals bestohlen, vergewaltigt oder lebensbedrohlich krank werde?

Gar nicht.

Aber diese Fragen, das Bewusstsein, dass man nicht immun für Schicksal ist, lassen einen mehr Mitgefühl haben. Mehr Liebe und mehr Gnade für andere. Denn letztendlich sind wir gleich in unserer Unterschiedlichkeit. Und es kann jeden treffen.

Schicksale zu sehen hat mir Toleranz geschenkt. Zu versuchen wirklich die Geschichten von Menschen zu verstehen und nicht nach dem ersten Blick zu urteilen.

Zu hören, wie ein Bekannter 15 Jahre auf den Straßen Pretorias gelebt hat. Obdachlos und drogenabhängig war. Den Weg rausgeschafft hat. Zu sehen wie er zwar immer noch gesundheitliche Probleme hat, aber heute durch seine Arbeit anderen Obdachlosen hilft.

Jemanden kennenzulernen, der sich wegen des Todes seines Vaters sein Wirtschaftswissenschafts- Studium nicht mehr leisten konnte, die falschen Freunde bekam und drogenabhängig wurde und sich durch Kellnern seinen Weg wieder hocharbeitet.

Einer ehemals heroinabhängigen Frau zu begegnen, deren Vater das ganze Geld versäuft, die kaum Essen hat und die Kraft aufbringt einen ganzen Morgen zu laufen, um bei POPUP zum Unterricht zu gehen und ihrem Leben eine Zukunft zu geben.

Diese Menschen bewundere ich.

„Maybe it´s about finding the beauty in living with the tension and the paradox.

Maybe that´s what reveals the redemptive power of grace.“ ~Nadia Meli

Ein Leben in der Grauzone.

Das heißt denke ich nicht, dass man nie eine eigene Meinung vertreten darf.

Das heißt auch offen für andere Meinungen zu sein, sich auf Schicksale einzulassen, von anderen lernen zu können.

Subjektivität anerkennen – die eigene aber auch die anderer.

Ich bin vorsichtig geworden mit kategorischen Aussagen. Denn manchmal gibt es nicht richtig oder falsch, nicht Gut und Böse. Manchmal gibt es nur die Grauzone.

Ich denke, deshalb ist Gnade so wichtig. Gnade für andere, aber auch Gottes Gnade für uns.

Für mich war es oft schwierig zu erkennen, dass ich privilegiert bin und finanziell besser dastehe als viele der Menschen, mit denen ich zu tun hatte. Mir fiel es manchmal schwer mit diesem Zustand richtig umzugehen, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte oder das Gefühl, nicht genug zu tun.

Mir hat es gut getan zu wissen, dass Gott Gnade für uns hat- egal was wir tun, wem wir helfen oder auch nicht, was wir wissen oder was nicht.

Gottes Gnade und Liebe, die über jedem Urteil steht.

Schwarz und Weiß gibt Grau

Im Sinne von interkultureller Begegnung.

Im Sinne von richtig und falsch.

Im Sinne des Paradoxons, der Spannung.

Im Sinne von Gnade und Liebe.

In Bezug auf alles, was ich die letzten 11 Monate erleben durfte.

Lisann Arle | Südafrika, Pretoria, POPUP